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Konzeption und Leitfragen

 

Bild . Erzählung . Kontext

Visuelle Narration in Kulturen und Gesellschaften der Alten Welt

 

Erzählungen sind eine elementare Form gesellschaftlicher Sinn- und Identitätsstiftung. Sie werden nicht nur in oralen und literarischen Ausdrucksformen artikuliert, sondern auch in Bildern und Artefakten. Diese haben, Kraft ihrer Materialität, ihren Platz in spezifischen Kontexten, etwa der Benutzung, Betrachtung, Verehrung oder Zerstörung. Das komplexe Beziehungsgeflecht von Bildern, Narrativen und Kontexten ist nur innerhalb eines gesellschaftlichen und kulturellen Gesamtzusammenhanges beschreibbar und wird in seinen Wechselwirkungen als Teil historischer Prozesse verständlich.

Besondere Brisanz erhält dieses Spannungsfeld in jenen Gesellschaften, in denen der visuellen und materiellen Kultur ein besonderer Stellenwert beizumessen ist. Aus der Perspektive der Archäologien als historische Kulturwissenschaften und im Austausch mit weiteren Disziplinen, deren Erkenntnisinteresse gleichfalls auf die Erschließung und Reflexion dieses Phänomens zielt, soll das hier vorzustellende Tagungsvorhaben erstmals der Frage nach der Rolle von Bilderzählungen in (prä-)historischen Lebenswelten nachgehen.

Obgleich der Begriff der Narration in jüngster Zeit wiederholt in den Fokus kulturwissenschaftlicher Forschung gerückt wurde, haben bildliche Medien dabei bislang eine untergeordnete Rolle gespielt. Prominente Ausnahmen stellen dabei Fotografie, Film und andere Bildmedien des 20. und 21. Jhs. (s. dazu u. a. Abbott 1986, Brink 1998, Grishakova und Ryan 2010, Kuhn 2011) dar. Zwar ist auch innerhalb der historischen Kulturwissenschaften eine wachsende Zahl narratologisch orientierter Untersuchungen zu verzeichnen – so in der Urgeschichte (Huth 2003), Vorderasiatischen Archäologie (Reade 1979, Winter 1981, Watanabe 2008, Nadali 2006), Klassischen Archäologie (Giuliani 2003, Stansbury-O'Donnell 1999) und insbesondere der europäischen Kunstgeschichte (s. etwa Scheuermann 2005; Kemp 1989, Jäger 1998; Karpf 1994). Vielfach standen dabei jedoch bildimmanente Gesichtspunkte im Vordergrund.

So wurde sowohl den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, unter denen narrative Darstellungen entwickelt werden, als auch den spezifischen kulturellen Praktiken, in die sie eingebunden sind, nur in begrenztem Umfang Beachtung geschenkt. Die Konzeptualisierung früher Bilderzählungen in der Verschränkung mit ihrem historischen Umfeld stellt mithin nach wie vor ein Desiderat dar.

Ziele

Zielsetzung der Tagung ist demnach die umfassende Auseinandersetzung mit dem Phänomen der visuellen Narration. Im Fokus sind dabei Bilderzählungen in ihren konkreten materiellen Ausformungen sowie die damit verbundenen kulturellen Praktiken. Dabei sei ‘Narration’ im Sinne einer pragmatischen und inklusiven Definition als „the semiotic representation of a series of events meaningfully connected in a temporal and causal way“ (Onega Jaén und García Landa 1996, 2-3) verstanden. Auch der Begriff des Bildes soll dahingehend weit gefasst werden, dass er neben konkreten figürlichen Darstellungen auch die Dingwelt als materielle Artikulation menschlichen Handelns einschließt. Der zeitlich-geographische Fokus liegt auf den vorneuzeitlichen Gesellschaften und Kulturen der Alten Welt, die zum einen als Fallbeispiel einen konkreten Zugang zu diesem weitverzweigten Phänomen eröffnen und zum anderen Einblicke in dessen Entstehungs- und Formierungsphasen erlauben.

Die zentrale Frage, die aus dem Blickwinkel unterschiedlicher Disziplinen an visuelle Narration zu richten sein wird, ist die nach ihren Funktions- und Wirkungsweisen im jeweiligen gesellschaftlichen Kontext. Dieser übergeordneten Problemstellung wird entlang dreier untereinander verknüpfter Themenfelder nachzugehen sein. Diese betreffen die formalen Qualitäten und Mechanismen visuellen Erzählens, die mediale Rolle der konkreten Träger von Erzählungen und die spezifischen Kontexte, in denen Bilderzählungen ausgebildet und herangezogen werden.

Fragen

Die Frage, mit welchen formalen Mitteln unbewegte Bilder überhaupt auf komplexe zeitliche Abläufe verweisen können, ist seit ihrer pointierten Behandlung in Gotthold Ephraim Lessings Laokoon (2007 [1766]) Gegenstand kontroverser Erörterungen gewesen. Um die Definition narrativer Elemente in Bild und Artefakt nicht auf die Ausbildung eines formalistischen Kriterienkatalogs zu reduzieren, ist es nötig, diese in die jeweils kulturspezifische Grammatik visuellen Erzählens einzufügen. Hier spielen sowohl inhaltliche Fragen nach den im jeweiligen Kulturkreis geläufigen Themen und Topoi als auch strukturelle Aspekte, wie die Wahl spezifischer Erzählstrategien, u.a. der Erzählzeit oder der beanspruchten Auktorialität, mit hinein.

Die Repräsentationen, denen visuelle Erzählungen eingeschrieben sind, wären als passive ‘Container’ derselben nur unzureichend beschrieben. Insofern als sie diese Narrative in ihr soziales Umfeld hineinverhandeln und zu diesem Umfeld in einem durchaus dynamischen Verhältnis gegenseitiger Wechselwirkung stehen, lassen sie sich als Medien begreifen. Daran wiederum knüpfen sich Fragen nach der Rolle spezifischer Medien in der Formierung visueller Erzähltechniken und -inhalte, nach den Gründen für die Bevorzugung einzelner Medien gegenüber anderen und der Beziehung zwischen diesen Medien und dem sozialen und kollektiven Gedächtnis.

Im Mittelpunkt steht weiterhin die Beziehung zwischen dem Auftreten von Bilderzählungen und den gesellschaftlichen und kulturellen Gegebenheiten, also den Rahmenbedingungen, in welche diese Narrative eingebettet sind. Hier ist der Frage nachzugehen, ob sich bestimmte Konstellationen ermitteln lassen, innerhalb derer Bilderzählungen eine besondere Rolle einnehmen. Dies umfasst kulturelle Horizonte (etwa das Aufkommen von Schriftlichkeit) ebenso wie politische Handlungszusammenhänge (z. B. die Formulierung und Legitimation von Machtansprüchen) oder soziale Rituale und Protokolle, die durch Narrative begleitet oder erklärt werden (etwa im Bereich von Sepulkralpraktiken).

Konzept

Mit der Erörterung dieser Fragen greift die Veranstaltung Debatten zahlreicher kulturwissenschaftlicher Disziplinen auf und zielt darauf ab, sie zum einen miteinander zusammenzuführen und zum anderen in einen übergeordneten Beschreibungs- und Erklärungszusammenhang zu überführen. Übergeordnetes Anliegen der Veranstaltung ist ein Verständnis von Bilderzählungen in ihrer medialen, gesellschaftlichen und kulturellen Bedingtheit, das sowohl den archäologischen und historischen als auch den kulturanthropologischen Aspekten des Gegenstandes gerecht wird. Reiz und zugleich Herausforderung der Tagung liegen so in der Zusammenführung dieser Perspektiven. Die inhaltliche Struktur der Veranstaltung ist daher durch ein einerseits weit aufgefächertes Spektrum bestehender Ansätze und Zugänge charakterisiert und andererseits durch das dezidierte Herausarbeiten kultureller Spezifitäten der verschiedenen historischen Epochen:

Gleich zu Beginn der Tagung werden in einem ersten Themenblock Beiträge übergreifender und methodologischer Natur das narratologische Rüstzeug diskutieren, das sich aus Semiotik, Kunstwissenschaft, Literaturwissenschaft und Philosophie zusammentragen lässt, um sich dem Phänomen visueller Narration hermeneutisch zu nähern.

Die historische Tiefendimension des Gegenstands wird in den drei anschließenden Themenblöcken mit ihren chronologisch angeordneten Fallstudien ausgelotet, deren erster das kontroverse Thema der ‘Anfänge’ visueller Erzählung an unterschiedlichen Stationen der Menschheitsgeschichte angeht und dabei vom Neolithikum über das Ägypten des Alten Reiches und die Kulturen des Vorderen Orients bis zum bronzezeitlichen Nordeuropa ausgreift. Mit je einer Sektion zu den europäischen Metallzeiten und zur klassischen Antike stehen dann enger zusammenhängende Epochen und Kulturkreise im Fokus. Insgesamt reicht die chronologische Spanne der altertumskundlichen Beiträge damit von der jüngeren Urgeschichte bis in die römischen Provinzen.

Der umfassende, weit über den europäisch-vorderasiatischen Rahmen hinausweisende Charakter des Phänomens ‘visuelle Narration’ lässt eine völlige Beschränkung auf diesen kulturellen Horizont wenig geraten erscheinen. So sind die beiden letzten Themenblöcke im Sinne eines wechselseitigen Austausches mit den radikal anderen Rahmenbedingungen gedacht, die im ostasiatischen Kulturraum bzw. in der entgrenzten Bildwelt der Gegenwart gelten.

Für die beiden Abendvorträge konnten wir Hans-Peter Hahn und Davide Nadali gewinnen, die als prominente Vertreter der Ethnologie beziehungsweise Vorderasiatischen Archäologie, anschaulich das weite Feld unterschiedlichster Ausdrucksformen von Dingwelt und Bildwelt in ihren spezifischen Ausführungen beleuchten.

 

Literaturhinweise

Abbott, L. L., Comic Art: Characteristics and Potentialities of a Narrative Medium, Journal of Popular Culture 19, 1986, 155–176.

Brink, C., Ikonen der Vernichtung. Öffentlicher Gebrauch von Fotografien aus nationalsozialistischen Konzentrationslagern nach 1945 (Berlin 1998).

Giuliani, L., Bild und Mythos. Geschichte der Bilderzählung in der griechischen Kunst (München 2003).

Grishakova, M. und Ryan, M.-L., Intermediality and Storytelling (Berlin 2010).

Huth, C., Menschenbilder und Menschenbild. Anthropomorphe Bildwerke der frühen Eisenzeit (Berlin 2003).

Jäger, T., Die Bilderzählung. Narrative Strukturen in Zyklen des 18. und 19. Jahrhunderts: von Tiepolo und Goya bis Rethel (Petersberg 1998).

Karpf, J., Strukturanalyse der mittelalterlichen Bilderzählung. Ein Beitrag zur kunsthistorischen Erzählforschung, (Marburg 1994).

Kemp, W., Der Text des Bildes. Möglichkeiten und Mittel eigenständiger Bilderzählung (München 1989).

Kuhn, M., Filmnarratologie. Ein erzähltheoretisches Analysemodell (Berlin 2011).

Lessing, G. E., Laokoon oder über die Grenzen der Mahlerey und Poesie, in: W. Barner (Hg.), G. E. Lessing, Laokoon / Briefe. Text und Kommentar (Frankfurt/M. 2007 [1766]).

Nadali, d., Percezione dello spazio scansione del tempo : studio della composizione narrativa del rilievo assiro di VII secolo a.C. (Rom 2006).

Onega Jaén, S. und García Landa, J. A., Narratology. An Introduction (London 1996).

Reade, J. E., Narrative Composition in Assyrian Sculpture, BaM 10, 1979, 52 ff.

Scheuermann, B., Erzählstrategien in der zeitgenössischen Kunst: Narrativität in Werken von William Kentridge und Tracey Emin (Diss. Köln 2005).

Stansbury-O'Donnell, M., Pictorial Narrative in Greek Art (Cambridge 1999).

Watanabe, C., The Classification of Methods of Pictorial Narrative in Assurbanipal's Reliefs, in: Biggs, R. D. (Hrsg.), Proceedings of the 51st Rencontre Assyriologique Internationale held at The Oriental Institute of The University of Chicago (Chicago, Ill. [u.a.] 2008) 321–331.

Winter, I., Royal Rhetoric and the Development of Historical Narrative in Neo-Assyrian Reliefs, Studies in Visual Communication 7/2, 1981, 2–38.

 

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